EU-Assoziierungsabkommen mit Andorra und San Marino: Vom Zollunions-Modell zur Binnenmarktteilnahme

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Carolin Becker
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Der Rat der EU hat am 16. Juli 2026 den Weg für das Assoziierungsabkommen mit Andorra und San Marino freigemacht. Für Zoll- und Außenwirtschaftsverantwortliche steckt der eigentliche Kern in einem Punkt, der in der allgemeinen Berichterstattung meist untergeht: Das Abkommen ersetzt die bestehenden Zollunionen und verändert damit die rechtliche Grundlage des Warenverkehrs mit beiden Ländern von Grund auf.


Worum es geht

Der Rat der Europäischen Union hat die Unterzeichnung und vorläufige Anwendung eines umfassenden Assoziierungsabkommens zwischen der EU und ihren Mitgliedstaaten einerseits und dem Fürstentum Andorra und der Republik San Marino andererseits genehmigt. Beide Länder werden dabei jeweils als eigenständige Vertragspartei geführt.

Das Abkommen ist kein reines Handelsabkommen. Es öffnet Andorra und San Marino die Teilnahme an einem homogenen erweiterten Binnenmarkt, also an den vier Grundfreiheiten, unter gleichen Wettbewerbsbedingungen und nach denselben Regeln, die auch für die EU-Mitgliedstaaten gelten. Ergänzend schafft es einen Rahmen für die Zusammenarbeit in Feldern jenseits der vier Freiheiten, etwa Forschung, Bildung, Sozialpolitik, Umwelt, Verbraucherschutz und Kultur.

Rechtsgrundlage ist Artikel 217 AEUV, die klassische Ermächtigung für Assoziierungsabkommen. Genau diese Einordnung signalisiert die Reichweite: Es geht nicht um punktuelle Zollvergünstigungen, sondern um eine strukturelle Anbindung an den EU-Rechtsraum.


Der entscheidende Punkt für die Zollpraxis: Ablösung der bestehenden Zollunionen

Wer den Warenverkehr mit Andorra oder San Marino abwickelt, arbeitet heute auf Grundlage zweier eigenständiger Zollunionen, und die unterscheiden sich erheblich:

Andorra und San Marino EU Assoziierungsabkommen
  • Andorra: Die Zollunion besteht seit 1991 und erfasst ausschließlich Waren der HS-Kapitel 25 bis 97 (gewerbliche Waren). Agrarerzeugnisse der Kapitel 1 bis 24 fallen nicht unter die Zollunion, Ursprungswaren aus Andorra genießen bei der Einfuhr in die EU jedoch Zollfreiheit. Hinzu kommt eine Präferenzregelung für bestimmte Tabakwaren. Der Warenverkehr wird über Versandpapiere (T2 AN u. a.) abgewickelt.

  • San Marino: Die Zollunion (unterzeichnet 1991, in Kraft seit 2002) reicht weiter und umfasst die HS-Kapitel 1 bis 97 mit Ausnahme der ehemaligen EGKS-Waren. San Marino ist damit deutlich umfassender in das Zollgebiet der Union eingebunden als Andorra.

Das neue Assoziierungsabkommen tritt an die Stelle dieser Zollunionen. Damit wechselt die Grundlogik: weg von einer Zollunion mit gemeinsamem Außenzoll und freiem Verkehr bei fortbestehenden Förmlichkeiten, hin zu einer Teilnahme am Binnenmarkt nach den Regeln, die auch zwischen den Mitgliedstaaten gelten.

Für die operative Praxis ist das der Kernpunkt: Die vertraute Zollunions-Systematik, einschließlich der bisherigen Versand- und Nachweisverfahren, wird mittelfristig durch das Binnenmarktregime abgelöst. Welche Verfahren, Dokumente und Formalitäten konkret an ihre Stelle treten, ergibt sich aus dem Abkommenstext und den zugehörigen Protokollen sowie aus den vorgesehenen Übergangsregelungen. Unternehmen mit regelmäßigem Warenverkehr in Richtung Andorra oder San Marino sollten diese Umstellung frühzeitig auf dem Schirm haben.


Dynamische Rechtsangleichung und die Rolle des EuGH

Damit der Binnenmarkt reibungslos funktioniert, sieht das Abkommen eine dynamische regulatorische Angleichung vor. Andorra und San Marino übernehmen den einschlägigen Besitzstand der Union also nicht einmalig, sondern fortlaufend: Neue EU-Rechtsakte in den erfassten Bereichen werden über die eingesetzten Gemeinsamen Ausschüsse in das Abkommen aufgenommen, und zwar möglichst zeitnah nach ihrem Erlass, damit sie in der Union, in Andorra und in San Marino weitgehend zeitgleich gelten.

Flankiert wird das durch einen Streitbeilegungsmechanismus, bei dem der Gerichtshof der Europäischen Union für Streitigkeiten über Auslegung und Anwendung des Abkommens zuständig ist. Diese Kombination aus laufender Rechtsübernahme und EuGH-Auslegungshoheit sorgt für ein einheitliches Regelverständnis, bedeutet für die betroffenen Länder und die dort tätigen Unternehmen aber auch: Der maßgebliche Rechtsrahmen bleibt in Bewegung.


Finanzdienstleistungen: gestufter Marktzugang

Für Finanzdienstleistungen gilt ein Sonderweg. Das dem Abkommen beigefügte Rahmenprotokoll 3 ermöglicht einen gestaffelten Zugang zum Binnenmarkt. Andorra und San Marino können sogar darauf verzichten, den vollständigen Zugang zu beantragen, diese Wahlmöglichkeit besteht bis zu 15 Jahre ab Inkrafttreten des Abkommens.

Der tatsächliche Zugang hängt von einer umfassenden Bewertung der Robustheit der jeweiligen Regulierungs- und Aufsichtsrahmen ab und setzt eine positive Empfehlung der Kommission voraus. Eingebunden sind dabei die Europäischen Aufsichtsbehörden, also EBA, EIOPA, ESMA und die neue Geldwäschebekämpfungsbehörde AMLA, sowie der Einheitliche Abwicklungsausschuss. Für die Aufsicht sind besondere Garantien vorgesehen, etwa mit Blick auf die Erbringung von Dienstleistungen vor Ort und die Notstandsbefugnisse der Aufsichtsbehörden.


Berücksichtigung der Kleinstaaten-Besonderheiten

Das Abkommen trägt der besonderen Lage Andorras und San Marinos Rechnung, ihrer geografischen Lage, ihrer geringen Größe und ihrer kleinen Bevölkerung. Rechtlich stützt sich das auf die Erklärung Nr. 3 zu Artikel 8 EUV. Praktisch schlägt es sich in einer Reihe von Anpassungen an einzelne Unionsrechtsakte sowie in mehreren Übergangsfristen für die Umsetzung und Anwendung von Teilen des Besitzstands nieder. Für die Praxis heißt das: Nicht alles gilt sofort und vollständig, der Zeitplan der einzelnen Bereiche lohnt den genauen Blick.


Schutz- und Ausgleichsmaßnahmen

Für den Ernstfall räumt der Ratsbeschluss der Kommission ein abgestuftes Instrumentarium ein. Dazu zählen unter anderem:

  • Kompensationsmaßnahmen bei nicht ordnungsgemäßer Anwendung des Abkommens
  • Schutzmaßnahmen bei ernstlichen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder ökologischen Schwierigkeiten regionaler Art
  • Schutzmaßnahmen bei Terroranschlägen sowie Natur- oder vom Menschen verursachten Katastrophen
  • Schutzmaßnahmen betreffend Tabakwaren nach dem Protokoll für Andorra
  • Ausgleichsmaßnahmen einschließlich der Aussetzung zollrechtlicher Sicherheitsmaßnahmen nach dem Protokoll für Andorra

Gerade die beiden letztgenannten Punkte verdeutlichen, dass die zollspezifischen Sensibilitäten, Tabak und die zollrechtlichen Sicherheitsmaßnahmen, auch im neuen Regime bewusst abgesichert bleiben. Die Rechte des Rates werden dabei über ein Konsultationsverfahren gewahrt.


Zeitplan und nächste Schritte

Der Weg zu diesem Abkommen war lang:

  • 2015: Aufnahme der Verhandlungen mit Andorra, Monaco und San Marino auf Grundlage eines Mandats des Rates von 2014.
  • September 2023: Monaco und die Kommission setzen die Verhandlungen aus.
  • Dezember 2023: erfolgreicher Abschluss der Verhandlungen mit Andorra und San Marino.
  • April 2024: Die Kommission legt ihre Vorschläge für Unterzeichnung, vorläufige Anwendung und Abschluss vor.
  • 16. Juli 2026: Der Rat genehmigt Unterzeichnung und vorläufige Anwendung.

Damit ist das Verfahren noch nicht am Ende. Als Nächstes ist die Vorabunterzeichnung des gemischten Abkommens durch die Mitgliedstaaten vorgesehen, anschließend unterzeichnet die Europäische Kommission im Namen der EU. Danach ersucht der Rat das Europäische Parlament um Zustimmung, bevor das Dossier für den förmlichen Abschluss an den Rat zurückgeht. Der „Beschluss des Rates über den Abschluss“ bildet also den letzten, abschließenden Rechtsakt dieses Prozesses und setzt die Zustimmung des Parlaments voraus.


Was bedeutet das für die Praxis?

Für Unternehmen mit Warenverkehr nach Andorra oder San Marino ergeben sich mehrere Handlungslinien:

  1. Umstellung antizipieren. Die bisherige Zollunions-Systematik, mit ihren spezifischen Versand- und Nachweisverfahren, wird durch das Binnenmarktregime abgelöst. Wer heute Prozesse und Stammdaten sauber dokumentiert, kann die Umstellung geordnet planen.
  2. Übergangsfristen im Blick behalten. Anpassungen und Übergangsregelungen gelten bereichsweise unterschiedlich. Ein pauschales „ab Tag X gilt alles“ greift zu kurz.
  3. Ursprungs- und Präferenzfragen prüfen. Der Wechsel des Grundmodells berührt potenziell die Behandlung von Ursprung, Präferenzen und Nachweisen, ein klassisches Fehler- und Optimierungsfeld.
  4. Finanzdienstleister: den gestuften Zugang und die Bewertungslogik der Aufsichtsbehörden aktiv verfolgen.

Über den Einzelfall hinaus zeigt das Abkommen ein Grundmuster: Die Außenhandelsarchitektur der EU ist kein statisches Regelwerk. Sie entwickelt sich fortlaufend weiter, und mit ihr die Anforderungen an die betriebliche Zoll- und Außenwirtschaftsorganisation. Aktuell und rechtssicher zu bleiben, ist damit keine einmalige Aufgabe, sondern ein Dauerthema.


Fazit

Das EU-Assoziierungsabkommen mit Andorra und San Marino ist mehr als eine handelspolitische Randnotiz. Es löst zwei etablierte, aber unterschiedlich weitreichende Zollunionen ab und ersetzt sie durch eine strukturelle Teilnahme am EU-Binnenmarkt, mit dynamischer Rechtsangleichung, EuGH-Zuständigkeit und einem eigenen Regime für Finanzdienstleistungen. Bis zum vollständigen Abschluss sind noch die Zustimmung des Europäischen Parlaments und der formale Ratsbeschluss über den Abschluss erforderlich. Für Unternehmen mit Warenverkehr in beide Länder lohnt es sich schon jetzt, die eigenen Zollprozesse auf den bevorstehenden Wechsel vorzubereiten.

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Quellen und weiterführende Informationen:

  • Rat der EU, Pressemitteilung vom 16. Juli 2026: „Rat gibt grünes Licht für EU-Abkommen mit Andorra und San Marino“
  • Beschluss des Rates über den Abschluss des Assoziierungsabkommens (Ratsdok. 5291/25, Interinstitutionelles Dossier 2024/0101(NLE))
  • Bestehende Zollunionen: EU-Andorra (seit 1991, HS-Kapitel 25-97) und EU-San Marino (seit 2002, HS-Kapitel 1-97 außer EGKS-Waren)

Häufige Fragen zum EU-Assoziierungsabkommen mit Andorra und San Marino (FAQ)

Was hat der Rat der EU am 16. Juli 2026 beschlossen?

Der Rat der EU hat die Unterzeichnung und vorläufige Anwendung eines umfassenden Assoziierungsabkommens zwischen der EU und ihren Mitgliedstaaten einerseits und dem Fürstentum Andorra und der Republik San Marino andererseits genehmigt. Beide Länder werden dabei jeweils als eigenständige Vertragspartei geführt.

Was ändert sich für den Zoll durch das Assoziierungsabkommen?

Das Abkommen ersetzt die bestehenden Zollunionen mit Andorra (seit 1991, HS-Kapitel 25 bis 97) und San Marino (seit 2002, HS-Kapitel 1 bis 97 außer EGKS-Waren). Die bisherige Zollunions-Systematik mit ihren Versand- und Nachweisverfahren wird mittelfristig durch das Binnenmarktregime abgelöst.

Was ist der Unterschied zwischen den bisherigen Zollunionen und dem neuen Abkommen?

Bei einer Zollunion gilt ein gemeinsamer Außenzoll bei freiem Warenverkehr, jedoch bei fortbestehenden Förmlichkeiten. Das neue Abkommen ersetzt dieses Modell durch eine Teilnahme am homogenen Binnenmarkt, also an den vier Grundfreiheiten, nach denselben Regeln, die auch zwischen den EU-Mitgliedstaaten gelten.

Welche Rolle spielt der EuGH im neuen Abkommen?

Der Gerichtshof der Europäischen Union ist für Streitigkeiten über die Auslegung und Anwendung des Abkommens zuständig. In Kombination mit der laufenden, dynamischen Übernahme neuer EU-Rechtsakte über Gemeinsame Ausschüsse sorgt das für ein einheitliches Regelverständnis in der Union, in Andorra und in San Marino.

Gilt das Abkommen für Finanzdienstleistungen genauso wie für den Warenverkehr?

Nein. Für Finanzdienstleistungen gilt laut Rahmenprotokoll 3 ein gestufter Marktzugang. Andorra und San Marino können bis zu 15 Jahre ab Inkrafttreten darauf verzichten, den vollständigen Zugang zu beantragen. Der tatsächliche Zugang hängt von einer Bewertung der Regulierungs- und Aufsichtsrahmen sowie einer positiven Empfehlung der Kommission ab.

Ist das Abkommen bereits vollständig in Kraft?

Nein. Nach der Ratsentscheidung vom 16. Juli 2026 stehen noch die Vorabunterzeichnung durch die Mitgliedstaaten, die Unterzeichnung durch die Kommission im Namen der EU sowie die Zustimmung des Europäischen Parlaments aus, bevor der Rat den finalen Beschluss über den Abschluss fasst.

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